Kinder – Sehen – Lernen

Sehen

Was wissen wir über das Sehen? Wenn es gut geht, nehmen wir es als selbstverständlich hin. Für kurze Momente denken wir darüber nach, wie wunderbar es ist und wie unser Leben ohne die bunten Bilder wohl sein würde. In welch komplexen Zusammenhängen das Sehen tatsächlich steht, vermag sich aber kaum jemand vorzustellen…

Sehen, Begreifen, Lernen

Sehen müssen wir lernen, auch wenn wir glauben, dass wir es von Anfang an schon so beherrschen wie das Atmen.
Ein Neugeborenes kann kurz nach der Geburt mit seinen Augen die Umwelt wahrnehmen – allerdings nur drei Prozent und ungefähr 30 cm weit! Seine Augenlinse bietet noch keinen Schutz des Augenhintergrundes vor ultravioletten Strahlen. Es kann seine beiden Augen weder genau auf ein Objekt ausrichten noch hundertprozentig scharf stellen. Es kann keine feinen Farbnuancen unterscheiden und Entfernungen oder Geschwindigkeiten abschätzen…
Die Sehschärfe, die das Kind später zum Lesen benötigt, muss sich innerhalb eines begrenzten Zeitraumes durch ständiges unbewusstes Einüben entwickeln. Bis das Augenpaar die Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgebildet hat, die die Spezies Mensch so erfolgreich werden ließ, vergehen nach Ansicht der Forscher mindestens 12 manchmal sogar 16 Jahre.
Dabei ist der Gesichtssinn nicht isoliert zu betrachten, denn erst die Vernetzung mit anderen Gehirnarealen macht unser Sehen perfekt: Dort entsteht unter anderem die handwerkliche Perfektion die uns die Schrift ermöglichte und somit die Weitergabe des Wissens an unsere Nachkommen. Ohne das wäre die Entwicklung feiner Verfahrenstechniken und hochtechnisierter Maschinen, die uns vielleicht bald in die entlegensten Winkel des Weltalls befördern werden, undenkbar.

Sehen mit allen Sinnen

Bereits Maria Montessori setzte sich für das Lernen mit allen Sinnen ein. Leider hat uns die technisierte Welt vergessen lassen, dass Sehen in Körpererfahrung und in Lernen mit allen Sinnen eingebettet sein sollte: Sich ein Bild machen können von dem was man sieht und es verknüpfen mit den anderen Sinnen erfordert Seherfahrung, die von der Qualität vieler Lernprozesse abhängt. Das eigentliche „Sehen” ist das Ergebnis des Zusammenwirkens aller beteiligten Einzelfunktionen. Nur im fließenden Zusammenspiel dieser Teilbereiche, besteht eine gute visuelle Leistungsfähigkeit. Ist doch z. B. die bildliche Vorstellung einer Orange gleichzeitig auch mit dem Bewusstsein von deren Geschmack und dem Anfühlen ihrer Oberfläche verbunden.

Versuche haben gezeigt, dass sogenannte Spiegelzellen, die das Nachahmen von Bewegungen und Gebärden ermöglichen, nicht anspringen, wenn Eindrücke via Bildschirm vermittelt werden: In völlig statischer Körperhaltung lassen Fernsehen und Computer schnellste Bewegung „erleben”. Durch diese gewaltige Irreführung der Wahrnehmung kommt es zu weitreichenden Sehdefiziten. Erst der persönliche physische Kontakt und die Kopplung mit eigenen Erfahrungen ermöglichen Speicherung, Verstehen und Umsetzung des Gesehenen.
Es lohnt sich also, die Aufnahme von Seheindrücken so optimal wie möglich zu gestalten: In natürlicher Umgebung ist das Sehen ein sehr dynamischer Vorgang, bei dem Blickbewegungen dazu führen, dass die Augenmuskulatur in optimaler Gebrauchsfähigkeit gehalten und Gesehenes zu Erlebtem wird.

 

Sehen ist Wahrnehmung

Die visuelle Wahrnehmung ist nicht isoliert von anderen Sinnen zu betrachten. Wenn also von „Sehen” die Rede ist, ist oft eigentlich die Wahrnehmung gemeint. Um es zu veranschaulichen, eignet sich folgendes Modell der vier visuellen Teilbereiche:

  1. WO bin ICH? Klärung des eigenen Standortes (Orientierung).
  2. WO ist ES? Fixation auf den Punkt des Interesses, die Standortbestimmung des betrachteten Gegenstandes.
  3. WAS ist ES? Scharfstellen des betrachteten Gegenstandes zur Erkennung und Identifizierung.
  4. WIE ist ES? Visualisierung — sich ein Bild machen, vermischt mit sprechen, hören, fühlen, schmecken. = Vision Gesamtheit der visuellen Wahrnehmung, der gemeinsame Nenner des Zusammenwirkens der vier Teilbereiche. Es ist das Ergebnis des Wahrnehmens, Sammelns und Interpretierens der Informationen, die durch die verschiedenen Sinne vermittelt werden.

Das Sehen ist somit eine Eigenschaft, die wir sowohl unseren Augen als auch unserem Gehirn und anderen Sinnen verdanken. Je größer die „visuelle Erfahrung” ist, also je mehr Erfahrungsmuster in möglichst guter Qualität zum Vergleich zur Verfügung stehen, um so effizienter ist die visuelle Wahrnehmung hinsichtlich Aufnahme- und Leistungsfähigkeit.